So manches Kleinod steht in unseren Kirchen. Ob es sich um den großen und bekannten Meister handelt oder ob der Erbauer eines Instrumentes unbekannt ist, das alles ist für den guten Restaurator unerheblich. Wichtig ist, daß beim Besitzer und sonstigen Beteiligten der Wert eines Instrumentes erkannt und gewahrt wird. Diese Aufgabe übernimmt, sozusagen als Schnittstelle, der Restaurator im Orgelbauhandwerk.
Konservieren bedeutet, den Bestand zu sichern, Substanz zu erhalten und zu bewahren, Wartung und Pflege durchzuführen und Umgebungsparameter zu überwachen (Stichwort Raumklima). Keine ästhetische Verbesserungen vorzunehmen.
Restaurieren bedeutet, "wieder herstellen". Restaurierungen sollen die Ausnahme sein. Eine restauratorische Maßnahme setzt die konservierende Maßnahme voraus. Restauriert wird, um den Zeugniswert eines Objektes wieder wahrnehmbar und erlebbar zu machen. Die wichtigsten Aufgaben dabei sind: Behandeln von Fehlstellen, das Zurückführen von verunstaltenden Eingriffen, die Freilegung älterer Schichten der Substanz. Wichtig hierbei ist, daß Patina und Alters-sowie Gebrauchsspuren als Geschichte eines Objektes erhalten bleiben und berücksichtigt werden. Es soll nicht heißen: "...erstrahlt in neuem/altem Glanz." (wobei eh fraglich ist, was alter oder neuer Glanz ist!?).
Rekonstruieren heißt "wieder aufbauen". Voraussetzung hierfür ist die wissenschaftliche Beweisbarkeit für das vormalige Aussehen und die Konstruktion eines Objektes (alte Pläne vorhanden, Fotos, etc). Eine Rekonstruktion ist k e i n Ersatz für ein verlorengegangenes Denkmal.
Eine Kopie ist die Nachbildung einer noch existierenden Sache. Sie wird nötig bei drohendem Substanzverlust.
Translozieren bedeutet, ein Denkmal an einen anderen Ort zu bringen. Da unter dem Denkmalbegriff ein wichtiger Punkt die Einheit von Denkmalwerten sind, z. Bsp: eine Orgel in ihrer Umgebung, sollte eine Translozierung nur im Falle drohenden Substanzverlustes in Frage kommen.
Kirche in Gammelshausen
Der Ort Gammelshausen liegt im Landkreis Göppingen, südlich von Göppingen am Trauf der Schwäbischen Alb.
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Zeichnung Kirchenraum vor Emporenumbau
Die Dorfkirche, 1436 bei Investiturprotokoll der Diözese Konstanz erwähnt, 1499 Anbau einer Sakristei, da die Gemeinde einen Kaplan erhält. 1798 Zugehörigkeit zu Dürnau (vorher Boll).
Typisch für den Württembergischen Raum: Als Pfeiler des Gottesdienstes, die Trias aus Taufstein (Taufe), Altar (Abendmahl) und Kanzel (Predigt) als Mittelachse. Hier die sehr seltene Form, mit Orgel an Stelle der Kanzel, Kanzel dafür an der Südseite.
Kanzel und Taufstein aus dem 16. Jhdt. Umbau nach Jahrelanger Verzögerung (mehrfach genannte finanzielle Schwierigkeiten) 1959. Nordempore wird abgenommen. Grund: Christopherusbild an der Nordwand soll freigelegt werden damit Zuschüsse vom Denkmalsamt fließen (Archiv Oberkirchenrat). Fußboden erneuert und erhöht.
Dorfkirche als einziges Denkmal im Ort im Denkmalbuch eingetragen.
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Die Orgel im Raum
Gebaut von Orgelbauer Johann Georg III Schäfer (15.01.1826-17.08.1886),Göppingen in den Jahren 1872/73 (Pfarrarchiv Dürnau). Die Orgelbauerdynastie Schäfer ist geteilt in drei Linien. Die Göppinger Linie wird durch ihren Sproß Friedrich II Schäfer (*1861) mit der Firma Goll u. Sohn in Kirchheim/Teck in Verbindung gebracht.
Die Orgel steht an der Ostwand, die jeweils rechts und links unter 45° eingezogen ist. Das Gehäuse sowie der Orgelbock ist auf ein Podest 875mm über FFB gestellt. Laut Pfarrarchiv wurde die Orgel nie versetzt oder umgebaut.
Vertrag ist leider nicht auffindbar.
Die Orgel ersetzt Harmonium, das von 1866-1873 seinen Dienst getan hat.
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Der Orgelprospekt
Aufteilung in drei Flachfelder
Beinhaltet Prinzipal 8'
Mittelfeld: B-fs°
C-Seite: gs°-b', drei Blindpfeifen innen
Cs-Seite: g°-h', zwei Blindpfeifen innen
Die 1917 requirierten Zinnpfeifen wurden von Orgelbaumeister Carl Schäfer, Göppingen durch Zinkpfeifen ersetzt (Vertrag v. 15.02. 1917, Pfarrarchiv Dürnau). 2004 erneut Zinnpfeifen eingebaut. |
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Das Gehäuse I
Holzart: Fichte, weiß gestrichen. Füllungen beigefarben marmoriert. Fassung von 1959 (lt. Pfarrarchiv. Vorherige Fassung unbekannt.)
Schnitzwerk laut Kartusche an Gehäuse von Georg Böhringer (Ortsansässiger, 20 Jahre alt, landet als Bildhauer in Wien.)
Vergoldung 1959 neu gemacht.
Prospekt beinhaltet die Inschriften: "Gott allein die Ehre" und "Singet dem Herrn Dank" sowie das Baujahr 1873.
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Das Gehäuse II
Bauweise: Bodenkranz unten, eingezapfte Höhenfriese vorne, fest eingeleimte Füllungen. Seitengehäuse unten mit Türen rechts und links geschlossen. Zugang zur Windladenunterseite und Trakturzugang.
Obergehäuse auf Gurtkranz aufgesteckt. Prospektfront als Fasade überhöht.
Seitliches Obergehäuse gibt Zugang zum Pfeifenwerk frei. Jeweils hinten angeschlagene Türen mit Reibern. |
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Kartusche am Spieltisch
„Zu der Orgel hat
gestiftet, Frau Pfarrerin
Kaufmann, 700fl.
die hiesigen Bürger 500fl.
Die Verzierung hat geschnitzelt,
Georg Böhringer von hier
in seinem 20 ten Jahre.“
Jahresgehalt eines Lehrers 1870 etwa 150 Gulden.
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Die Spielanlage
Die Spielanlage als Spieltisch auf hohlem Podest (875 mm über FFB), zugänglich über drei Trittstufen (demontierbar) jeweils rechts und links.
Motorschalter (Bakelit I/O und Glimmlampe) im Bodenkranz des Untergehäuses rechts unten eingelassen.
Sitzbank aus Fichte, weiß gefaßt, Kanten stark abgenützt. Höhe 605 mm nicht verstellbar, steht auf Klötzen.
Notenauflage befindet sich im Spieltischdeckel.
Pedaleinschub nur 27 mm!
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Die Klaviatur
Zweiarmige Tasten, Tonumfang: C-f'''
Untertastenbeläge Bein, sehr wenig gespielt, c'''-f'''sehen fabrikneu aus.
Obertasten Ebenholz
Tasten sehr leichtgängig.
Tastenreise 10,5 mm, Leerreise gleichmäßig um die 2 mm.
Abstand Untertasten-Fußboden 815 mm.
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Pedalklaviatur
Tonumfang C-c'
Ober-und Untertasten aus Ahornholz (neu, die stark abgespielten Originalbeläge befinden sich in einer Kiste im Orgelinnern).
Klaviaturrahmen und Tastenkörper aus Eichenholz.
Rückholfedern Messing, Originalbestand ebenfalls in Kiste im Orgelinnern, teils gebrochen.
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Registerzüge
Disposition laut Spieltisch entspricht Signaturen auf Registertraktur im Untergehäuse.
Linke Seite, v. li.: Superoctav 2', Octav 4', Principal 8', Copula
Rechte Seite, v. li.: Salicional 8', Gross-Gedeckt 8', Floete 4', Subbass 16'
Manubrien sowie Klaviaturbacken schwarz lackiert.
Beschriftung auf Porzellanschildchen mit Goldrand.
Auskleidung Nußbaumfurnier, gut erhalten mit wenig Fehlstellen, glänzende Lackoberfläche.
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Koppelaufbau
Pedalfüllung durch schlecht platzierte Doppelsteckdose schlecht zugänglich.
Koppelwellenbrett mit neuerer (Kasimir) und älterer (schwarzer Filz) Tuchung. Lagerung wenig beansprucht.
Wellenärmchen frisch ausgetucht. |
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Manualwindlade
Registerkanzellenlade mit Fichtewellenrahmen, Registerkanzellen sowie Windstöcke aus Eichenholz. Achteckige Ventilscheiben aus Eichenholz.
Windlade liegt auf Konsolleiste an Gehäusefront auf.
Tonwellen mit Bleigewichten. Tonwellenlager durch Windladenlager und vorne durch Gehäuse verdeckt. Zustand deshalb schlecht einzusehen, jedoch keine lauten Laufgeräusche.
Pfeifenanordnung: Ganztönig von der Mitte nach außen.
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Pedalwindlade I
Subbaßlade mit großem Flachventil als Windeinlaß.
Keine Kegellade. Tonventile angeschwänzt, wie bei einer Schleiflade. (Vater Johann Georg II 1785-1845 baute Schleifladen)
Windstöcke aus Eichenholz
Aufstellung auf der Lade: C-c° (Cs-cs°) von der Mitte nach außen laufend an der rückwärtigen Wand. d°-b° (ds°-h°) zurücklaufend davorstehend. |
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Pedalwindlade II
Zusatzlade mit Ausbau als ständige Oktavkoppel im Pedal. Wippen sind über Mitnehmerklötzchen direkt von der Wellenbretttraktur angesteuert.
Abzugsdrähte an Durchführung mit Messingstreifen abgedichtet. Drähte teils erneuert. Ausgetauschte Drähte befinden sich alle in Kiste im Orgelgehäuse
Ausbaulade trägt ähnliche Bearbeitungsspuren, wie Pedallade. Sie macht jedoch den Eindruck, als wäre sie nachträglich eingebaut worden. Die Pfeifen sind baugleich. Beschriftung der Pfeifen mit Bleistift, bei Pedallade mit Tusche. Aufstellung chromatisch.
Da im Kirchenarchiv keine Unterlagen bezüglich des Pedalausbaues zu finden waren, ist noch näher zu prüfen, von wann die Maßnahme stammt und wer sie ausgeführt hat.
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Windladenlager
Die Windlade des Manuals liegt an der Prospektwand des Untergehäuses auf einer Konsolleiste auf. Hinten ist sie auf vier durchgehende Stützen gestellt.
Die Pedalwindlade liegt auf gedoppelten Brettern, die mit dem Untergehäuse verbunden sind.
Die Zusatzlade liegt auf Konsolen, die auf den Registerwellenrahmen aufgeschraubt sind.
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Pedalpfeifenwerk
Subbaß aus Fichtenholz mit unterschnitten eingeleimten Labien aus Birnbaumholz. Vorschläge aus Birnbaum.
Pfeifen der Ausbaulade besitzen durchgängig Deckel aus Birnbaum, Seiten und Böden aus Fichtenholz.
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Manualpfeifenwerk
Principal 8': C-A in Fichtenholz, Rest Zinn. Alle Metallpfeifen besitzen Expressionen.
Octav 4': Zinn mit Expressionen bis h'. Ab c'' offen gekulpt.
Superoctav 2': Zinn mit Expressionen bis g°. Ab gs° offen gekulpt.
Floete 4': C-H Fichte, Stimmplatten. Ab c°-h° Deckel in Ahornholz, ab c' ganz in Ahorn.
Grossgedeckt 8': C-H Fichtenholz, c°-f° Seiten und Böden aus Fichte, Deckel aus Birnbaum. Ab fs° Seiten in Ahorn-, Deckel und Böden in Birnbaumholz. Alle Stöpselgriffe sind angedrechselt.
Salicional 8': C-H Fichtenholz, Stimmschlitze mit Stimmschiebern. c°-f''' Zinn mit Expressionen.
Abgenommene Tonhöhe: 436,5 Hz bei 11°C (entspricht 439,5 Hz bei 15°C).
Gleichschwebende Temperierung. |
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Windversorgung
Die Windversorgung wird durch einen Magazindoppelfaltenbalg (1800 mm x 1250 mm) der Firma Weigle, Echterdingen mit untenliegendem Keilschöpfer sicher gestellt. Die Balganlage und der Winderzeuger stehen in einem Balghaus auf der Kirchenbühne. Das Balghaus ist neueren Datums (2004 durch Schreiner und Bestatter Wilhelm Wolff).
Die Ansaugung geschieht durch ein flexibles Aluminiumrohr durch die Kirchendecke. Das Ansaugloch befindet sich direkt über der Orgel.
Der Winderzeuger (ALW, Winddruck 105 mmWs, 5 m³ Volumen, Nr.: 27205, Mot. Nr.: 7329, eingebaut Weigle, lt. Rechnung über 1476,45 DM) steht in einem Kasten aus Tischlerplatte, mit Weichfaserplatten gedämmt. Rollventil als Drossel.
Der Winddruck, gemessen am Magazinbalg beträgt 70 mmWs.
In einem Gutachten anläßlich des Kirchenumbaues (von W. Supper, Pfarrarchiv Dürnau) wird ein Verschlag für den Orgeltreter angesprochen. Dieser sowie die zugehörigen Gedenktäfelchen sollen entfallen. Ob es sich bei den Täfelchen um die Kartuschen an Gehäuse und Spieltisch handelt, ist noch näher zu prüfen.
Weiter zu untersuchen wäre, wie die Schäfer'sche Balganlage ausgesehen hat. In der Kirchendecke zeugen entsprechende Ausschnitte von den Zugseilvorrichtungen (zwei Seile). Am Balgklavis (nur ein Seil nötig) der Weigle-Anlage ist zu erkennen, daß die heutige Trittfläche umgebarbeitet wurde. Schäfer baute 1874 in Leonbronn (I/10) zwei Kastenbälge. Dieselbe Anordnung würde auch im hiesigen Fall passen, wofür die Doppellochung in der Decke stehen würde.
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Die geringen finanziellen Umstände der Kirchengemeinde Gammelshausen haben das Orgelwerk in seiner Art und Weise und an seinem Platz fast vollständig erhalten. Ein Gutachten (Pfarrarchiv Dürnau) von Walter Supper (6.6. 1959) schlägt vor, den Principal 8' durch eine Oktave 4' zu ersetzen. Anstelle des Octav 4' (alt) sollte eine kleine Mixtur kommen. Diese Rauschzimbel sollte der Orgel den ihr angeblich noch fehlenden Glanz verleihen. Desweiteren sollte der Spieltisch genormt und der Pedalumfang auf d' erweitert werden. Auch sollte das Instrument tiefer gesetzt werden.
Glücklicherweise kamen die Arbeiten nicht zur Ausführung. Der Klang der Orgel ist deftig, fast Barock. Ihre Stärke liegt in der Mischfähigkeit der wenigen Register untereinander. Alles ist aufeinander abgestimmt, somit ergeben sich die vielfälltigsten Mischungen. Die Intonationsweise und die Spuren der Pfeifen decken sich mit denen anderen Schäfer-Orgeln. Aufträge oder Rechnungen über eine Umintonation waren im Pfarrarchiv nicht zu finden. Die technische Bauweise kann als konsequent geplant eingestuft werden (mit Ausnahme der Zusatzlade). Die Verarbeitungsqualität ist hoch. Die Orgel hat nur wenige Reparaturen erfahren und jahrelang problemlos ihren Dienst getan.
Die wenigen Umbaumaßnahmen, wie z. Bsp. die Balganlage, sind qualtitätvoll ausgeführt. Das originelle Gehäuse mit seinen neugotischen Verzierungen und der persönliche Stil des ortsansässigen Schnitzers zeugen auch noch Jahre später von der großen Anteilnahme der Bürger an "ihrer" Orgel. Die vielen Stellen, an denen sich diese Anteilnahme mit der qualitätvollen Arbeit von Johann Georg Schäfer mischt, enthalten einen schutzwürdigen Erlebniswert.
Die Gammelshäuser Orgel ist eine der wenigen gut erhaltenen Instrumente.Weitere Werke stehen in Dürnau und Wangen (beides Krs. Göppingen). Diese Instrumente sind jedoch zweimanualig.